Das Gebet als Tor in unere Ewigkeit

 

Für die tiefsten Dinge gibt es keine Worte. Worte werden hinfällig, wenn das Mysterium aufscheint und das Gebet ins Schweigen übergeht.

 

In der postmodernen Gesellschaft hat das allgegenwärtige Geschwätz uns dem Schweigen entfremdet. Infolge dessen sind wir ängstlich und gestreßt. Das Schweigen ist faszinierend gegenwärtig. Das Schweigen ist scheu; es ist geduldig und drängt sich niemals auf.  Aber ohne die Gegenwart des Schweigens könnte kein Wort je gesprochen oder vernommen werden. Unser Denken beschwört fortwährend neue Wörter herauf.

 

 

Wir sind so versessen auf Wörter, dass wir das Schweigen kaum noch bemerken - aber das Schweigen ist immer da. Die besten Wörter werden im fruchtbaren Schweigen geboren, das auf das Geheimnis achtet.

 

Wie der irische Dichter Seamus Heaney in seinem Gedichtzyklus  - Lichtungen - schreibt: ... jenseits des Schweigens, dem man lauscht -. Wenn das Gebet die geräuschvollen Wildbäche der Wörter und Gedanken verlässt, gelangt es auf den stillen See des Schweigens. Hier werden wir des tiefen Friedens gewahr, der in uns lebt. Unter all unseren Handlungen, Gesten und Gedanken liegt ein schweigender Friede.

 

 

Wenn wir beten, suchen wir die Unschuld unserer Seele auf. Dies ist ein reiner, sanfter Ort der Einigkeit, den der Lärm des Lebens niemals zu stören vermag.

 

Wir betreten den Tempel unserer tiefsten Zugehörigkeit. Einzig in diesem Tempel kann jegliche Sehnsucht Ruhe und Frieden finden. Dies fasst der Psalmnist in den anrührenden Vers zusammen: "Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!"  In der Stille wird das Schweigen des Göttlichen zu größter Nähe.

 

 

Dann werden wir erkennen, gleichwie wir erkannt sind.

 

Jede Seele ist von anderer Gestalt. Niemand kann je in meine Welt treten und aus unmittelbarer Anschauung erfahren, wie es ist,  i c h  zu sein. Dies ist zugleich das Mysterium  und die große Einsamkeit der Individualität.

 

Die, die mir nahe stehen, können noch am ehesten ahnen und sich vorstellen, wie es ist, ich zu sein, aber sie können niemals mein Leben von innen her empfinden, sehen oder erkennen.Der tiefere Grund der Individualität, ist in der göttlichen Vorstellungskraft zu suchen, deren Einzigartigkeit  in ihrer Freude an jedwedem Neuanfang offenbar wird.

 

 

Der göttliche Künstler ist durch und durch schöpferisch. Er macht jegliches Ding neu und anders. Jedes Individuum verkörpert eine jeweils andere Dimension der Gottheit. Jeder von uns stammt von einer anderen Stelle aus der unendlichen Kreisfläche des Göttlichen.

 

Dementsprechend betet jeder einzelne von uns aus seiner eigenen inneren Welt heraus zu einer anderen Stelle im göttlichen Kreis. Es ist die Stelle, die wir einst verließen, um hierher zu kommen. Es ist das Nest des Göttlchen, in dem die Geheimnisse unserer Herkunft und Bestimmung verwahrt werden. Wenn wir beten, beten wir zu dem Raum im Göttlichen, der uns vollständig  w e i ß  .Dies könnte die Bedeutung der Worte im Neuen Testament sein, in denen Paulus von einer Rückkehr in die unsichtbare Welt spricht: "Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

 

 

Solange wir hier sind, stehen wir auf der Schwelle zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Das Göttliche erkennt uns ganz. Wir selbst erkennen uns nur bruchstückhaft. Sobald wir heimgekehrt sind, werden dieses Mißverhältnis und diese Blindheit aufgehoben sein.

 

Dann wird unser Wissen gleich sein mit dem göttlichen Wissen um uns. Diese Erkenntnis lässt dem Gebet allen individulellen Raum. Wir können nicht anders, als mit der Einzigartigkeit unserer Individualität beten.

Es gibt also keinen Grund, sich "schuldig" zu fühlen, wenn wir uns außerstande sehen oder nicht bereit sind in die offizellen Gebete unserer Religionsgemeinschaft oder die spontanen Gebete anderer Leute einzustimmen.

 

 

Wenn wir der leisen Stimme  u n s e r e s  Herzens lauschen, erkennen wir, dass diese Stimme eins ist mit der eigenen Melodie unserer Seele. Unser innigstes Gebet ist das Gebet unseres Wesens.

Wenn wir uns in die innere Welt hinab lassen und den Tempel unseres Wesens betreten, wird unser Gebet eins mit dem Herzschalg des Göttlichen.

 

Die Seele ist das Zuhause der Erinnerung

 

Das Gebet hilft uns, unser Leben ganzheitlich zu leben. Es dauert lange, bis man gelernt hat, seinen Platz in seinem Leben einzunehmen. Je klarer wir uns der subtilen an unser Leben angrenzenden Bereiche bewußt werden, desto leichter können sie uns zugehören. Je deutlicher wir die vernachlässigten und übersehenden Dimensionen unseres Lebens erkennen, desto ausgefüllter und ausgeglichener werden wir.

 

 

 Es kostet die Arbeit eines ganzen Lebens, ganz zu unserem Leben zu gehören. Jedes Ereignis, jeder Begegnung, jede Erfahrung ist gleichsam ein Pfad vom Weg, den es zu erforschen und zu erleben gilt. Dann bringt die Weisheit der Seele die Ernte über diesen Weg ein, bis sie zum tiefsten und innersten Kern unseres Selbst gehören. Jeden Tag ziehen wir hinaus, und jeden Abend bringt unsere Seele all das heim, was wir erlitten, erfahren und gewirkt haben. 

 

Die Seele ist älter als unser Bewusstsein und Denken. Jeden Tag webt sie ein weiteres Stück unseres Lebens. Sie verwebt die uralte Tiefe unseres Selbst mit der Frische unserer gegenwärtigen Erfahrung. Die Seele ist das Zuhause der Erinnerung.

 

 

Wenn wir beten, betreten wir das Heiligtum , wo sich die Schatzkammer der ungelebten und gelebten Dinge öffnet, um das Geheimnis dessen, was wir jetzt erleben, gleichfalls in sich aufzunehmen. Einbrechen können wir in diesen inneren Raum nicht. Jeder Versuch, uns gewaltsam Zutritt zu verschaffen, wird von unserer wissenden Seele vereitelt.

 

Wenn wir allerdings in unsere Tiefen hinein beten, könnten sie sich für einen Moment auftun und uns einen flüchtigen Einblick in die ewige Schöpferkraft gewähren, die ununterbrochen in uns am Werk ist.  Die Sehnsucht danach beschreibt Fernando Pessoa mit den schönen Worten:

Alles erinnert also an mein Heimat-Ich

und weil es daran erinnert,

schmerzt, was ich bin, in mir.

 

 

Da das Gebet aus dieser Tiefe in uns emporsteigt, kann es uns ebenso tiefe Einblicke in unser Selbst gewähren. Das Gebet stillt die Sehnsucht  nach dem Unbekannten in uns. Es hilft, die Barrieren zu unserer inneren Welt zu überwinden. Es ermöglicht zuletzt die Entdeckung, dass zwischen uns und dem tiefsten Kern unseres Seins keinerlei Abstand besteht.

 

Jeden neuen Tag mit Gebet einfassen

Nach der Erlösung der Nacht ist das Morgenrot ein neuer Beginn. Alle mystischen Traditionen haben von jeher gewusst, dass der Tagesanbruch eine besondere Zeit ist. Sie alle kennen Gebetsrituale zum Beginn des neuen Tages. Sie begüßen den neuen Tag nicht etwa mit Furchtsamkeit oder Besorgnis darüber, wie viele Termine in den nächsten Stunden wahrzunehmen sind.

 

 

Sie nehmen sich Zeit, um den neuen Tag willkommen zu heißen. Im Bewusstsein der Kürze der uns zugeteilten Lebensspanne erkennen sie das gewaltige  seelenbildende Potential des einzelnen Tages.Dieser Freiraum für die Anerkennung der Einmaligkeit jeden Tages verleiht dem Tag einen Abglanz der Ewigkeit. Die mönchische Tradition segnet den täglichen Neubeginn mit Gebet.

 

Es wäre schön, wenn wir jeden Morgen für das Geschenk des neuen Tages Dank sagen und dessen Verheißung und Möglichkeit erkennen könnten - und schön wäre es, jeden Abend die Schwierigkeiten und Segnungen des verflossenen Tages mit einem Kreis von Gebet zu umfangen. Es würde unser Sein in der Welt unendlich intensivieren und läutern, wenn wir uns nur zu eigen machten, unsere Tage mit Gebet einzurahmen. Hier im Westen Irlands lebt ein wunderbarer, inspirierender Lehrer, der für seine Schule das Motto gewählt hat:  "Der Geist, der sich verändert, verändert die Welt".

 

 

Der Geist ist das Auge der Welt. Wenn der Geist sich verändert, wird die ganze Welt anders. Im weitesten Sinne bedeutet dies auch, dass die betende Gegenwart alles verklärt. Wir werden niemals ganz nachvollziehen können, wie sehr es unser Gebet vermag, Veränderungen zu bewirken und anderen Menschen Schutz und Geborgenheit zu schenken.

 

Wir sollten täglich für alle Leidende beten. Es gibt so viele gebrochene Existenzen, die täglich unseres Gebetes bedürfen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, welch umfassende und intensive spirituelle Kraft das Gebet in die Welt hinaussendet. Sinn und Zweck des Gebetes ist nicht, uns zu Heiligen zu machen. Das Gebet hat einen tiefren Sinn, nämlich die Heilung der Welt, die zu bewohnen wir das Privileg haben.  Allein durch unser Hiersein sind wir bereits Hüter geweihter Stätten und Räume.

 

 

Wenn wir nur sehen könnten, was unser Gebet zu leisten vermag, würden wir nichts anderes wollen, als stets in der durch es geweckten Gegenwart zu sein. Es gibt viele Menschen, die sich lieben und einander gehören, die aber aufgrund ihrer Enttäuschung oder der Wunden, die sie einander zugefügt haben, den anderen nie ganz in sich hineinlassen.

 

Wäre es nicht schön, wenn sie den Mut zum Risiko aufbrächten, sich wieder in einer Woge der Hoffnung an des anderen Ufer zu begeben? Das größte Geschenk, dass wir jemandem machen können, ist das Geschenk unserer selbst; es ist ein unermessliches Geschenk. Die Sonne ist die Mutter des Lebens. Sie ergießt ihr Licht großzügig und gleichmäßig über die ganze Erde. Wie die Sonne sollte jeder von uns das Licht seiner Seele großzügig  über die ganze Welt strahlen lassen.

 

Echo der Seele   - Deutscher Taschenbuch Verlag

 

 

 

 

 

 

 

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