Gewahrsein, durch Meditation

 

Meditation ist für viele Menschen ein unvertrauter Begriff mit einer eher vagen Bedeutung, und es erscheint ihnen kaum vorstellbar, sich darauf einzulassen. Doch wir können Meditation auch ganz einfach Gewahrsein nennen.

 

Meditation  i s t   Gewahrsein.

 

Die Gründe, die jemanden zur Meditaion veranlassen, können recht unterschiedlich sein. Manche wissen anfangs nicht einmal um ihre eigentliche Bedeutung, verspüren jedoch ein tiefes Bedürfnis, sich von einer inneren Trauer, einem Schmerz, einem lebenslangen Gefühl der Unvollkommenheit zu befreien.

 

Hier steht eine einfache buddhitische Übung der Achtsamkeit zur Verfügung, die zur Ganzheit, zur natürlichen Vollkommenheit führt.

 

Die Grundlage dieser Übung ist eine unmittelbare Teilhabe an jedem einzelnen Augenblick der Gegenwart, in die alles verfügbare Gewahrsein und Verständnis einfließt.

 

Wir alle haben bis zu einem bestimmten Grad Konzentrationsfähigkeit und Bewußtsein entwickelt. Allein schon das Lesen dieses Buches oder die Gestaltung unseres komplizierten Lebens erfordert Gewahrsein und Konzentration. Diese geistigen Qualitäten sind in jedem von uns präsent.

 

 

Die Meditation verstärkt diese Eigenschaften durch systematisch, sanft und konsequent angewandte Techniken. Um Konzentration zu entwickeln, wählen wir ein einziges Objekt des Gewahrseins und erinnern den Geist daran, immer wieder zu diesem primären Objekt zurückzukehren und bei ihm zu verweilen.

 

Ein wirksames Mittel zur Vertiefung der Konzentraion ist das achtsame Atmen. Der Atem ist ein ausgezeichnetes Objekt, denn er ist ein konstanter Bestandteil unserer Erfahrung.

 

Wenn wir die Aufmerksamkeit auf diese Empfindungsebene richten, verstricken wir uns nicht mehr so intensiv auf der verbalen Ebene, die vom Chor der gedanken beherrscht wird und uns gewöhnlich in einen "inneren" Dialog hineinzieht.

 

 

Der innere Dialog beschäftigt sich fortwährend mit Kommentaren, Bewertungen und Plänen.

 

Er macht eine Menge Lärm und fesselt unsere Aufmerksamkeit an ein Bruchstück der uns umgebenen Wirklichkeit.  Wird das Gewahrsein jedoch exakt auf das Kommen und Gehen des Atems fokussiert, treten alle anderen Aspekte des geistig-körperlichen Prozesses im Augenblick ihres Erscheines automatisch und glasklar in den Brennpunkt,

 

Die Meditation erweitet kraft unmittelbarer Erfahrung den Kontakt zu unserer inneren Wirklichkeit.

 

Wenn wir das Geschehen jedes einzelnen Augenblicks einfach nur verfolgen und ohne Bewertungen oder Affekte beobachten, verlieren wir uns nicht in dem Gedanken < dieser Momenet ist mir lieber als jener, und dieser angenehme Gedanke ist mit willkommener  als der Schmerz in meinem Knie <.

 

Was wir auf dem Feld des Gewahrseins erleben, sobald wir jene absichtslose Bewußtheit zu entwickeln beginnen, ist bemerkenswert: Wir werden der Wurzeln gewahr, aus denen die Gedanken hervorgehen.

 

Wir durchschauen die Intention, aus der sich eine Handlung entfaltet

 

Wir beobachten den natürlichen Prozess des Geistes und entdecken, dass vieles von dem, was wir liebevoll als unser < Ich < behüten, imgrunde aus dem Ablauf unpersönlicher Phänomene besteht.

 

 

Wir erkennen, dass es wahrhaftig nicht nötig ist, irgendjemandem irgendwelche Fragen zu stellen.

 

Wir müssen nicht außerhalb unserer selbst nach der Antwort suchen. Indem wir den Fuß ergründen, wird der Fluss selbst zur Antwort.

 

Das Stellen der Frage selbst birgt die Antwort. Wenn wir fragen "wer bin ich?" dann finden wir den, der wir sind, in den Prozessen, aus denen diese Frage entspringt.

 

Wenn das Gewahrsein in noch größere Tiefen vorsstößt, dann wird uns klar, dass wir den denkenden Geist mit einer absoluten Realität ausgestattet haben, die er aus sich heraus gar nicht besitzt.

 

Wir hatten übersehen, dass er ein relativer Bestandteil einer weit größeren Wirklichkeit ist.

 

Der Austieg aus unserer Abhängigkeit vom Denken macht uns deutlich, dass wir normalerweise nur einen kleinen Ausschnitt der immensen Aktivität des Bewusstseins wahrnehmen - die Verhaftung an das Denken hat den größten Teil blockiert.

 

Der denkende Geist unterscheidet sich erheblich von der absoluten Bewusstheit, die allen Dingen Raum zur freien Entfaltung gibt. Denken erschöpft sich in der Auswahl der Gedanken, in der Beschäftigung, im Messen, Planen in der Produktion einer Realität, anstatt unmittelbar zu erfahren, was von Augenblick zu Augenblick wirklich geschieht.

 

 

Wenn wir in das geistige Geschehen eintauchen, bemerken wir, dass selbst der  "Beobachter" zu einem Teil des Stromes wird. Das Wer, welches fragt, "Wer beobachtet?" ist nur noch einer jener Gedankenblitze, die an uns vorübereilen. "Niemand" beobachtet, nur das Gewahrsein existiert.

 

Wenn das "Ich" zu einer der im Strom dahinziehenden Beobachtungen wird, begreifen wir, dass zwischen uns und allen anderen Dingen des Universums kein Unterschied besteht. Die wikliche Natur des Seins wird offenbar, denn es bestehen keine trennenden Grenzen mehr, und nichts kann unsere Ganzheit verdecken.

 

Wir erkennen, dass die Kraft, die einen Gedanken in den anderen übergehen lässt, auch die sterne über den Himmel bewegt. Es ist genau dieselbe Energie.

 

 

Wie der Ozean oder der Wind sind auch wir ein Naturphänomen, das vielfältigen Wandlungen unterworfen ist - ein Produkt der Konditionierung.

 

Wir erkennen, dass die Natur des Bewusstseins auf ähnliche Weise wirkt wie die Hand Gottes, die sich auf dem berühmten Fresko in der Sixtinischen Kapelle ausstreckt - um einem Wesen Leben zu schenken - einem Wesen, das bereit ist, den Lebensfunken zu empfangen.

 

Wir empfangen den Lebensfunken in jedem einzelnen Augenblick!

 

Dieser Funke ist das Bewusstsein, die Kraft des Wissens, die Wahrnehmung dessen, was aus dem Kontakt von Gewahrsein und dessen Objekt entsteht; aus dem Sehen und dem gesehenen Baum, aus dem Hören und der gehörten Musik, aus dem Tastsinn und der gefühlten Erde, aus dem Geschmacksinn und dem geschmeckten Wasser, Aus dem Denken und der vorgestellten Idee.

 

Von Augenblick zu Augenblick entsteht das Bewusstsein in der Verbindung mit den Objekten der Sinne aufs neue, einschließlich der geistigen Sinne der Vorstellung und Erinnerung.

 

Hier entspringt und verebbt alles aus unsere Lebenserfahrung stammende Wissen.

 

Der Eintritt der Achtsamkeit in diesen Prozess bedeutet, in jedem einzelnen Augenblick den Ursprung die unablässige Schöpfung des Alls zu entdecken.

 

 

Interessanterweise ist es gerade dieser Schöpfungsakt, der dem größten Mißverständnis unseres Lebens zugrunde liegt.

 

Genauer gesagt ist es unsere Gleichsetzung dieses ständig fortschreitenden Prozesses mit einem "Ich", die das Problem hervorruft.

 

Es ist die falsche Sicht, auf jene natürliche Entfaltung, worauf unsere schläfrige Blindheit und Illusion größtenteils gründet. Beswusstsein resultiert automatisch aus dem Kontakt zwischen dem Gewahrsein und dessen Objekt.

 

Dieses "Wissen" ist das Ergebnis eines natürlichen Prozesses, der sich von selbst und völlig unabhängig von einem "Wissenden" oder irgendeinem hinzugefügten "Ich" vollzieht, welches sich für diesen essentiell nicht-persönlichen Prozess verantwortlich wähnt.

 

Dieses eingeflochtene "Ich" hindert uns daran, an der direkten Erfahrung dieses Flusses, an der direkten Erfahrung der universalen  Natur unseres Seins teilzuhaben.

 

Aurobindo sagte: "Ganz und gar sein heißt, alles zu sein."

 

 

Erfahrungen kommen und gehen. Wenn wir uns mit ihnen identifizieren, wenn wir sie im Zuge unserer Bewertungen und Verhaftungen als "mein" eigen beanspruchen, wenn wir uns an irgendeinem Aspekt des unaufhaltsamen Stromes verklammern, dann bleibt uns verborgen, dass dieses sogenannte "Ich" fortwährend geboren wird und stirbt.

 

Wir erkennen nicht, dass es aus einem Prozess entsteht, bei dem Gewahrsein und Objekt ungezählte Male in der Minute ins Dasein treten und wieder vergehen.

 

Sobald das Gewahrsein tiefer in den Strom eindringt, erfahren wir, dass unsere natürliche Beschaffenheit unser natürlicher Wesenszustand, den manche den Geist der Wahrheit oder die Buddha-Natur nennen, der ewig leuchtenden Sonne gleicht - immer gegenwärtig, doch zuweilen verschleiert.

 

 

Es sind die Wolken des Denkens, des Verlangens und der Furcht, die uns von unserem ureigenen Licht trennen. Es ist der trübe Schleier des konditionierten Geistes, der Wirbelsturm namens "Ich bin".