Kleine Therapie für geistige Durststrecken

 

Freude - das kann man wohl sagen - ist der elemtarste Ausdruck unseres Leben in enger Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. "Freut euch immerzu, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Ich sage es noch einmal: Freut euch", ruft Paulus der Gemeinde in Philipi zu. (Phil 4,4) und der Psalmdichter jubelt: "Mein Herz und mein Leib freuen sich dem lebendigen Gott entgegen. (Ps 84,2)

Hand aufs Herz - wer von uns hat sie noch nicht erlebt, jene Tage oder gar Wochen und Monate, in denen wir die Worte des Psalmnisten nicht ehrlich nachsprechen können? Unser Herz freut sich dann nicht, und schon gar nicht unser Leib. Nein, jedes Gefühl der Freude ist in uns erstorben, und alle unsere Versuche, sie neu zu beleben, scheitern.

Der "lebendige Gott" scheint tot. Wir lesen die Bibel, aber sie sagt uns nichts. Unsere "Stille Zeit" wird zur lästigen Pflichtübung. Wir haben kein Verlangen zu beten. Das Abendmahl lässt uns innerlich unbeteiligt. Christliche Tugenden muten uns öde und langweilig an. Unser Gewissen wird unempfindlich und stumpf.

 

 

Unter solchen Zeiten geistlicher Erschöpfung kann ein Christ schrecklich leiden.

Er quält sich selbst mit der immer neuen Frage: Warum kann ich Gott nicht mehr wie früher lieben? Er gerät in tiefe innere Konflikte, besonders wenn er handeln muss, als liebte er Gott, während er doch innerlich leergebrannt ist

Wenn er auf diese Durststrecken wenigstens schweigen könnte! Aber nein - seine Umwelt braucht und erwartet seine Liebe. Da sind die Kranken, die Einsamen die verstanden werden wollen. Deshalb können solche geistlichen Tiefs für Seelsorger oder Missionare besonders bitter sein. Sie sind es aber im Grunde für jeden Christen.

Wer einmal vor seinem Mitmenschen gestanden hat, der ihn um Hilfe anflehlte, ihn, der doch selbst innerlich ausgehöhlt und verdorrt war, der weiß, was Verzweiflung ist.

 

 

Ursachen

 Um solche geistlichen Tiefpunkte zu überwinden müssen wir uns zunächst einmal über ihre Ursachen klar werden. Ich möchte fünf solcher Ursachen nennen.

1. Sünde

Innere Freudlosigkeit und Leere ist manchmal darauf zurückzuführen, dass eindeutig Gottes Gebote übertreten und bewusst gegen seinen Willen gehandelt wurde, und das keine Bereitschaft da war, diese Sünde sich selbst und anderen vor Gott einzugestehen. Als ich es verschweigen wollte, wurde ich krank und elend ... meine Zunge verdorrte wie in den Gluten des Sommers.(Ps. 32,3,4)

Nun verhält es sich aber oft so, dass Menschen die unter so einer inneren Verdorrung leiden, sehr gewissenhafte, aufrichtige Christen sind. Sie sehnen sich nach der Nähe des Herrn und bemühen sich mit besten Kräften, seinen Willen zu tun. Ihr Problem ist, dass sie sich keiner Schuld bewusst sind und dennoch Gottes Nähe vermissen und nicht wissen, warum die Verbindung mit Gott abgerissen ist.

 

 

Unterernährung und Untätigkeit

 

Ein geistliches Gesetz lautet: "Wer viel ausgibt, muss auch viel einnehmen.

2. Wird dieser Grundsatz mißachtet, ist geistige Lähmung die Folge. Damit stehen wir vor der Frage nach dem Stellenwert der täglichen "Stillen Zeit" und des persönlichen Bibellesens. Es genügt nicht, sich nur zu besonderen Gelegenheiten in eine Bibel zu vertiefen.

In geistlicher Hinsicht kann allerdings nicht nur derjenige an Unterernährung leiden, der zu wenig "auftankt", sondern auch der, der nicht genug austeilt. Wer viel einnimmt, muss auch viel ausgeben - andernfalls kann er das verlieren, was er hat.

Jesus sagte einmal: "Wer viel hat (wer viel weitergibt) der wird noch mehr bekommen, so dass er mehr als genug haben wird. Wer aber zu wenig hat (wer wenig weitergibt), dem wird auch noch das Wenige weggenommen werden, das er hat. (Mt.13,12)

Geistliche Lähmung kann also durchaus  auf eine Unterernährung zurückzuführen sein, die durch mangelnde Bereitschaft verursacht wird, anderen geistliches Leben zu vermitteln. Viele Christen sind nicht inaktiv, weil sie "ausgelaugt" sind, sondern sie sind "ausgelaugt", weil sie inaktiv sind.

Ihre Untätigkeit ist nicht die Folge ihrer Leere, sondern die Ursache.

 

 

Überfütterung und Überanstrengung

 

3. Ich habe beobachtet, dass sich geistliche Durststrecken oft unmittelbar an Zeiten reicher Glaubenserfahrung anschließen. Manche Menschen können eine unbegrenzte Menge geistlicher Nahrung  zu sich nehmen, während andere nur eine begrenzte Menge verdauen können. Darüber hinaus gibt es die Gefahr der geistlichen Überanstrengung.

 

Mißachtung unseres Körpers

4. Heute ist allgemein anerkannt, dass Körper und Seele eine Einheit bilden und das seelische Störungen zu körperlichen Krankheiten führen können.

Wir müssen jedoch lernen, dass auch das Umgekehrte gilt: Mißachtung unseres körperlichen Wohls beeinträchtig unsere physische Gesundheit und kann zu geistlicher "Auszehrrung" führen. wir reißen Körper und Seele auseinander.

Was aber für Mann und Frau in der Ehe gesagt ist, dürfte auch für das Verhältnis von Körper und Seele gelten: "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Menschen nicht scheiden". (Mt 19,6)

 

 

Verlust des Gleichgewichts

 

5. Unsere Bekehrung zu Jesus Christus ist kein Freibrief, der uns erlaubt, uns über die Gesetze der Schöpfung hinwegzusetzen, deren Teil wir sind. Gott hat seiner Schöpfung ein Gleichgewicht von Arbeit und Ruhe zugrunde gelegt.

"Am siebten Tag ... ruhte Gott von all seinem Werk, das er schaffend gemacht hatte". (Mo 2,3)

 

In dieser Hinsicht haben wir in unserem Leben oft hoffnungslos das rechte Maß verloren. Wir sind überarbeitet und brüsten uns noch damit. Wenn wir jedoch diesen Rhythmus von Arbeit und Ruhe mißachten und das Gleichgewicht zerstören, das Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat, bezahlen wir das mit dem Verlust unserer kreativen geistlichen Kraft, und geistliche Lähmung wird die Folge sein.

 

 

Therapie

 

1. Vergebung

 

Wenn eine Sünde begangen und als Ursache des geistlichen Tiefs erkannt worden ist, dann ist das einzige Heilmittel das Bekennen und ein erneuter Zuspruch der Vergebung.

Wie schon erwähnt, darf man jedoch nicht automatisch Sünde als Grund voraussetzen. Wenn sich jemand, der eine geistliche Durststrecke durchleidet, ehrlich geprüft hat und keinen bewussten Akt des Ungehorsams gegen Gott in seinem Leben entdeckt, den er noch nicht bekannt hätte, dann wäre es schädich und überflüssig, ihm - ähnlich wie die Freunde Hiobs - einreden zu wollen, er sei irgendwie schuldig und müsse Buße tun.

Der erfahrene Seelsorger wird es nicht unterlassen, einen vorsichtigen Fühler in diese Richtung auszustrecken, aber, wenn er keine Schuld findet, sofort andere Hilfen anbieten.

 

 

Disziplin und Verantwortung

 

Ist "Unterernährung" die Ursache, dann ist wahrscheinlich eine Neuordnung des geistlichen Lebens notwendig. Je praktischer die Hilfe ist, die hier angeboten wird, um so eher wird Heilung eintreten.

Oft liegt die Unterernährung daran, dass wir zu sehr aus zweiter Hand leben. Wir brauchen ein Leben aus   e r s t e r   Hand. Wir müssen uns darin üben,  und uns direkt persönlich von Gottes Wort anreden zu lassen. Vorgekaute Nahrung ist nur für Kleinkinder.

 

Viele brauchen mitunter einen kleinen Rippenstoß von einem anderen, um eine gewisse Ordnung in ihr Leben zu bringen. Ordnung ist etwas anderes als Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit tötet; Ordnung  hingegen trägt unser geistliche Leben wie ein Gerüst den Bau.

 

Wer sich einmal selbst eine bestimmte Ordnung und Disziplin auferlegt hat,  der wird merken, wie belebend das ist.

Ohne Ordnung gibt es weder ein physisches noch ein geistliches Leben.

 

 

Deshalb sollten wir uns einmal ernsthaft Gedanken darüber machen, zu welcher Tageszeit wir unser tägliches Gebet und unser Bibelstudium am besten einplanen können.

Wer damit Erfahrung sammelt, wird bald feststellen, dass dies letztlich kein Zeitverlust ist, sondern ein Zeitgewinn.

Luther empfiehlt, sich Notizen zu machen über das, was Gott ist.

"Ob der Heilige Geist ... käme und anfinge in dein Herz zu predigen ... das merk und schreibe es an, so wirst du Wunder erfahren ..."

Eines dieser "Wunder" könnte die Bereitschaft sein, eine bestimmte Aufgabe in Gottes Reich zu übernehmen.

Jede Aufgabe, und sei sie noch so unscheinbar, ist ein wirksames Heilmittel für geistliche Unterernährung, die auf Untätigkeit zurückgeht.

 

 

Geistliches Fasten

 

Ist unsere geistliche Lähmung durch geistliche Überfütterung augelöst, dürfen wir nicht der irrigen Meinung verfallen, wir müssten nun mehr beten, länger in der Bibel studieren und häufiger Versammlungen besuchen.

 

Viel hilfreicher wäre wahrscheinlich, wenn wir uns eine Zeit geistlichen Fastens unterzögen, unsere Stille Zeit auf ein Minimum reduzierten,  nur kurz beteten, eine Zeitlang keine christlichen Bücher mehr lesen und anderes.

 

Bis der Appetit auf geistliche Nahrung wieder wach geworden ist. Inzwischen können wir uns einer Vielzahl anderer Aufgaben widmen, an denen wir Freude haben, und unsere Gedanken auf andere Dinge richten.

 

Einen solchen Rat geben, erfordert Mut. Wer sich dazu entschließt, muss sich auf heftige Kritik gefasst machen: auf Kritik von lieben, frommen Menschen, die Gewohnheiten brauchen - selbst wenn sie inhaltlos sind -, um sich "sicher" zu fühlen, und die doch gerade dadurch ihre tiefinnere Unsicherheit beweisen.

 

 

Ernst nehmen biologischer Tatbestände

 

Wenn wir deshalb innerlich ausgetrocknet sind, weil unser Körper nicht zu seinem Recht gekommen ist, dann sind zunächst einmal genügend Schlaf und ein Ausruhen mit gutem Gewissen wichtiger als alles andere.

 

Auch die Auswirkung einer falschen einseitigen Ernährung sind nicht zu unterschätzen. Enthält unsere Nahrung genügend Vitamine? Das kann ebenfalls eine geistliche Frage sein.

Auch auf den körperlichen Ausgleich kommt viel an.

 

Spielerische Heiterkeit

Das Leben wieder ins rechte Gleichgewicht zu bringen, kann schwerer sein als viele meinen. Möglicherweise müssen wir dazu nämlich unsere Arbeit und unseren Terminkalender, ja, unseren ganzen Lebensstil von Grund auf ändern.

 

Aber in geistlicher Hinsicht kann das entscheidend wichtig sein. Nehmen wir uns Zeit zum entspannen, zum Feiern, zum Spielen? Tun wir auch einmal etwas, womit wir kein praktisches Ziel, keinen nützlichen Zweck verfolgen? Leisten wir uns den "Luxus" eines Hobbys, das uns ganz gefangen nimmt?

Ein Hobby ist kein Luxus. Es ist notwendig, denn es wendet die Not.

Spielerische Heiterkeit, die auch auf andere überspringt, kann ein größeres Zeugnis für unseren Herrn sein als der tierische Ernst mancher Christen.

 

 

Die Krankheit wird nicht zum Tod führen

 

Etwas Tröstliche muss aber noch hinzugefügt werden: Wir sollten geistliche Tiefs nicht  n u r  als ein Ungück, nicht nur als etwas Nagatives betrachten.

Es kann uns ein tiefster Trost sein, dass die Bibel dieses Leiden kennt und uns versteht. In der Heiligen Schrift begegnen wir Menschen, die in enger Gemeinschaft mit Gott lebten und dennoch dieselben Erfahrungen machten wie wir. "Meine Zunge klebt am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.(Ps 22,16)

In der Tat haben alle, die ein intensives Glaubensleben führten - ich denke etwa an Luther, Pascal, u.a. auch geistliche Durststrecken durchleiden müssen, an denen sie zeitweise fast verzweifelten.

Oft scheint es, als herrsche ein direkter Zusammenhang zwischen der Intensität des Leidens einerseits und der Intensität der Gemeinschaft mit Gott andererseits, wie ja auch die Täler am tiefsten erscheinen, die von den höchsten Bergen umgeben sind.

 

 

Wir brauchen uns deshalb solcher Durststrecken nicht zu schämen. Auch haben wir es nicht nötig, unsere wahren Gefühle hinter der Maske eines stets bereiten christlichen Lächelns zu verbergen und anderen Freude vorzuspielen, wenn uns in Wirklichkeit zum Heulen ist.

 

Ein Gedanke hat mich hat mich persönlich immer wieder getröstet: Unter der scheinbaren Gottesferne leide ich nur deshalb so sehr, weil ich den Gegensatz kenne und zu anderen Zeiten seine Nähe erfahren habe. So gesehen kann unser Leiden unter geistlicher Lähmung ein Zeichen dafür sein, dass der Heilige Geist in uns wirkt und mitten in unserem Leid leuchtet dann die Verheißung neuer geistlicher Gesundheit in uns auf. Es ist ja eigenartig, dass die Bibel Wüste und Advent in einer geheimnisvollen Beziehung zu einander stehen.

Wir sollten deshalb lernen, geistliche Tiefs nicht einfach als Krankheit zu betrachten, sondern als heilsames Fieber und Symptom der Genesung.

Diejenigen, die darrunter leiden, sollten wir als Schon-Kranke unter Noch-nicht-Kranken ansehen. Vielleicht ist das Erleben eines Tiefs eine Form seines Anklopfens an unsere Herzenstür, mit dem Gott uns ankündigen will, dass er in einer neuen Weise in unser Leben eintreten will.

 

 

Mancher mag einwenden: "aber muss denn Gott immer wieder zu uns kommen? Ist er nicht immer da - immer bei uns? Hat er nicht versprochen: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage?"  Ja, das stimmt. Beides ist wahr. Er ist immer bei uns, und doch muss er immer wieder zu uns kommen. Das ist das Geheimnis unseres Lebens als Christen.

Von Gott her gesehen ist seine Beziehung zu uns, eine ununterbrochene Linie. Er ist immer gleich nah, hautnah, auch dann, wenn wir davon gar nichts spüren.

Von uns aus gesehen gleicht unsere Gottesbeziehung eher einer gestrichelten Linie. Da gibt es Leiden, Durststrecken, manchmal fühlen wir uns ihm näher, manchermal ferner.

Wie in Gottes Schöpfung Tag und Nacht, Hitze und Frost, Sommer und Winter herrschen, so ist auch unser geistliches Leben dem Wechsel unterworfen. Es gibt darin Trockenzeiten und Regenzeiten.

 

Immer wieder müssen wir Durststrecken überwinden. Immer wieder will Gott zu uns kommen. Und so erklingt in jeder Wüste das Wort der Verheißung:

 

 

"Und wieder machte er die Wüste zum See, verdorrtes Land zu Quellen voll Wasser.

Den Hungernden wies er dort Sitze an, sich zu gründen eine wohnliche Stätte.

Und sie bauten das Feld und pflanzten den Weinberg und hielten reichlich Ernte.

(Ps 107,35-37, Jerusalemer Bibel)

 

Um diese Verwandlung von der Wüste zum See erleben zu können, weist uns Luther in einem persönlichen Brief einen sehr praktischen Weg.