Martin Luthers Stille Zeit

 

Martin Luther hatte einen Babier namens Peter Beskendorf. Eines Tages muss sich Meister Peter wohl ein Herz gefasst und seinen berühmten Kunden, den Doktor der Theologie, gefragt haben:

 

"Herr Dr. Luther, wie beten Sie eigentlich"?

 

Und Martin Luther antwortete. Er hielt es nicht für unter seiner Würde, seinem Babier einen langen Brief zu schreiben - einen Brief, der gedruckt vierzig Seiten umfasst  Im Frühjahr 1535 wurde er veröffentlicht unter dem Titel:

 

"Eine einfältige Weise zu beten.

Für einen guten Freund".

 

"Lieber Meister Peter, ich geb`s Euch  so gut, als ich`s habe und wie ich selber mich mit Beten halte. Unser Herr Gott geb`s es Euch und jedermann besser zu machen".

 

So spricht Luther mit seinem Babier! Luther erhöht seinen Gesprächspartner und erniedrigt sich selbst. Demütig stellt er sich  u n t e r  ihn. Auf diese Weise kann er Meister Peter da abholen, wo er ist, kann sich in seine Welt versetzen.

 

"Gleich als ein guter, fleißiger Babierer muss seine Gedanken, Sinn und Augen gar genau auf das Schermesse und auf das Haar richten und nicht vergessen, wo er sei im Schnitt; wo er aber zugleich will viel plaudern oder anderswohin denken oder gucken. Also gar will ein jeglich Ding, so es wohlgemacht soll werden, den Menschen ganz haben mit allen Sinnen und Gliedern, wie man spricht ...

 

Wer mancherlei denkt, der denkt nichts, macht auch nichts Gutes.".  Wieviel mehr will das Gebet das Herz einig, ganz und allein haben, soll`s anders ein gut Gebet sein."

 

Luther erlebte in seinem Gebetsleben dieselben Schwierigkeiten wie wir: Mangel an Konzentration. Als erste Hilfe gibt er einen praktischen Rat:

 

"Darum ist es gut, dass man frühmorgens lasse das erste und des Abends das letzte Werk sein

und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen, trügerischen Gedanken, die da sagen:

Harre ein wenig, über eine Stunde will ich beten, ich muss dies oder das zuvor fertigen;

denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen

denn einen, dass aus dem Gebet des Tages nichts wird".

 

 

Luther wußte, dass man das Gebet versäumen kann. Er wußte, was es bedeutet,Tage geistlicher Lähmung zu durchleben. Immer wieder erzählt er seinem Babier ohne Beschönigung, wie er selbst kämpfen muss, um sich nicht von "fremden Gedanken und Geschäften" ablenken zu lassen, und wie oft er erlebte, dass seine Gebete zu leeren Routine wurde.

 

Er schreibt:

"Doch muss man auch drauf sehen, dass wir nicht uns vom rechten Gebet gewöhnen und deuten uns zuletzt selbst nötige Werk, die es doch nicht sind, und werden dadurch zuletzt laß, und faul, kalt und überdrüssig zum Gebet. Denn der Teufel ist nicht faul noch laß um uns her."

 

Luther kannte also die Durststrecken und wußte um deren dämonischen Ursprung.

 

Wir fühlen uns verstanden, wie Meister Peter sich verstanden gefühlt haben muss. Wer von uns hat noch nicht jene Zeiten durchgemacht, in denen die Stille Zeit zur leeren, sinnlosen Routine wurde, gefürchtet oder gar verhasst, in jedem Fall aber langweilig.

 

Und Langeweile ist der tödliche Feind des Heiligen Geistes.

 

Welche Hilfe bietet uns Luther an, damit wir dem Bann satanischer  Kräfte entrinnen und erneut die Atmosphäre des Heiligen Geistes erleben können, eine Atmosphäre der Wärme und Freude?

 

Luther empfielht, sich zunächst einmal zu "erwärmen". Mehrmals betont er in seinem Brief, man müsse "das Herz erwärmen", bis es "zu sich selbst kommen isr". Im Grunde genommen ist der Brief eine einzige ausführliche und praktische Anweisung wie man "das Herz erwärmen" kann, bevor man mit dem Bibellesen beginnt, und er schließt mit der Aussage: "wer geübet ist, kann hie wohl ... ein Kapitel der Schrift zu solchem Feuerzeug nehmen und seinem Herzen damit Feuer aufschlagen.

 

Für ein solches "erwärmendes Gebet" erscheint Luther auch die Körperhaltung wichtig. Offenbar hält er nicht viel davon, im Sitzen zu beten. "Knie nieder oder stehe mit gefalteten Hände und Augen gen Himmel."

 

Dabei warnt er: "aber siehe zu, dass du es nicht alles oder zuviel vor dich nehmest, damit der Geist nicht müde werde. Ein gut Gebet soll nicht lang sein, auch nicht lange aufgezogen werden, sondern oft und hitzig sein."  Luther wußte also um die Möglichkeit der geistlichen Übersättigung und Überanstrengung!

 

 

Und der Inhalt des Gebets ? Persönliche Nöte und Sorgen ? O nein!

 

Luther antwortet: "Beginne mit den Zehn Geboten!" Luther betet die Zehn Gebote! Dabei rasselt er sie nicht hintereinander herunter.

 

Als ehemaliger katholischer Priester hat er eine Menge gegen "unnützes Geschwätz" (Mt 6,7) zu sagen, gegen leeres Wortgeplänkel, Plappern und Herunterleiern. Er nennt es "zerplappern und zerklappern".

 

Um dieser Gefahr zu entgehen, denkt Luther nur über jeweils ein Gebot nach, "damit ich ja ganz ledig (frei) werde (soviel es möglich ist) zum Gebet."

 

Dieses Gebet formuliert er in seinen eigenen Worten, und er erklärt Meister Peter seine persönliche Methode:

 

Ich mache aus einem jeglichen Gebet ein

geviertes oder ein vierfaches gedrehtes Kränzlein,

als: ich nehme ein jeglich Gebot an zum ersten

als eine Lehre, wie es denn an ihn selber ist,

und denke, was unser Herr Gott darin so ernstlich von mir fordert;

zum andern mache ich eine Danksagung daraus, zum dritten eine Beichte,

zum vierten ein Gebet."

 

Dann macht sich Luther Mühe - und nimmt sich die Zeit -, alle zehn Gebote durchzusprechen und für seinen Babier beispielhaft ein solches "vierfaches gedrehtes Kränzlein" für jedes der Gebote zu machen. Welch ein Seelsorger!

 

So schreibt Luther zum Beispiel über das siebte Gebot, "Du sollst nicht stehlen", folgendes:

 

"Ernstlich lerne ich hie, ich solle meines Nächsten Güter nicht nehmen noch haben wider seinen Willen, weder heimlich noch offenbar, nicht untreu noch falsch sein mit Handeln, Dienen, Arbeiten, damit ich das Meine nicht diebisch gewinne, sondern solle mich im Schweiß meiner Nasen nähren und mein eigen Brot essen mit allen Treuen, , dass ich helfen soll, dass meinem Nächsten (gleich wie mir selbst) das seine obengenanntes Stück nicht genommen werde.

 

 

Zum andern danke ich seiner Treu und Güte, dass er mir und aller Welt so gute Lehre und damit auch Schutz und Schirm gegeben hat; denn wo er nicht schützest, bliebe keinem Heller noch Bissen Brots im Hause.

 

Zum dritten beichte ich alle meine Sünden und Undankbarkeit, wo ich jemand Unrecht und zu kurz oder Untreu getan habe mein Leben lang echt.

 

Zum vierten bitte ich, er wolle Gnade verleihen, dass ich und alle Welt solch ein Gebot doch lernen und bedenken mögen und auch davon bessern, dass doch des Stehlens, Raubens, Schindens, Untreuens, Unrechts weniger werde und in Kürze durch den jüngsten Tag, da alle Heiligen und Kreaturen Gebet hindringet. Röm 8, gar ein Ende werde."

 

So versteht Luther das Gebet. Beten ist für ihn also nicht nur bitten, rezitieren und sprechen.

 

Beten heißt lernen, meditieren, suchen und auf diese Weise die Perspektive der Ewigkeit bekommen.

 

Wie geht es weiter? "Wenn du beim letzten der Gebote angelangt bist", sagt Luther, "dann beschäftige dich in gleicher Weise mit dem Vaterunser. Nimm dir jeweils eine Bitte vor - vielleicht reicht eine für einen ganzen Tag - und drehe dir dein Kränzlein aus den vier Strängen." Wieder beschreibt er Meister Peter Bitte um Bitte, wie er das tut.

 

In diesem Zusammhang nennt Luther das Vaterunser den "größten Märtyrer auf Erden. Denn jedermann plagt`s.

 

Wenn er es jedoch in der Weise des vierfach gewundenen Kränzlein betet, kann er sagen: "Ich sauge an ihm wie ein Kind, trinke und esse wie ein alter Mensch, kann sein dass ich satt werde."

 

Wenn Luther nach dem Vaterunser noch "Zeit und Muße hat", wendet er sich dem Apostolischen Bekenntnis, "dem Glauben", zu. Aussage für Aussage, und macht es auf dieselbe Art zu seinem Gebet. An einer Stelle unterbricht Luther allerdings seine Erklärung und teilt seinem Briefpartner folgende Erfahrung mit:

 

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"Kommt wohl oft, dass ich in einem Stücke oder Bitte in so reiche Gedanken spazieren komme, dass ich die anderen sechse lasse alle anstehen.

 

Und wenn auch solche, gute Gedanken kommen, so soll man die andern Gebete fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern; denn da predigt der Heilige Geist selber, und seiner Predigt ein Wort ist besser denn unserer Gebet tausend.

 

Und ich hab auch also oft mehr gelernet in einem Gebet, als ich aus vielen Lesen und Dichten hätte kriegen können."

 

Beten bedeute für Luther also nicht nur reden. Es bedeutet auch,  still zu sein und zuzuhören.

 

Das Gebet ist für ihn keine Einbahnstrasse. An ihm sind zwei Gesprächspartner beteiligt. Der Mensch spricht nicht nur zu Gott, sondern Gott spricht auch zu ihm - und dieser letzte Aspekt ist der wichtigste des Gebets.

 

Genau das sollten wir beim Bibellesen erwarten - dass Gott zu uns spricht. Bibellesen ist Gebet.  Was Luther also über das Gebet sagt, lässt sich entsprechend auf unser Bibellesen übertragen, und wir erhalten dann eine überaus hilfreiche Methode, durch die eine Bibelstelle für unser persönliches Leben bedeutungsvoll werden kann. Ich meine damit, wir sollten Vers für Vers vorgehen und aus  jedem Vers ein  "vierfaches gedrehtes Kränzlein" machen.

 

Viele Christen haben dadurch eine echte Bereicherung ihrer Stillen Zeit erfahren. Sie treten mit folgenden vier Fragen - in etwas abgeänderter Reihenfolge als Luther sie vorschlägt - an einen Bibeltext heran.

 

1. Wofür habe ich zu danken? (Dank)

2. Was muss ich bei mir ändern? (Buße)

3. Worum darf ich bitten? (Bitte/Fürbitte)

4. Was soll ich tun? (Handeln)

 

 

Auch in diesem Zusammhang sollten wir Luthers Warnung beachten: "Aber siehe zu, dass du es nicht alles oder zuviel vor dich nehmest, damit der Geist nicht müde werde ...

 

Ist genug, wenn ein Stück oder ein halbes kannst kriegen, daran du deinem Herzen ein Feuerlein kannst aufschlagen ... denn - und dies ist eine der tiefsten Einsichten, die Luther seinem Babier mitteilt - "die Seele, wenn sie auf ein Ding gehret (ihr Begehren auf ein Ding richtet), es sei böse oder gut, und ihr Ernst ist, so kann sie in einem Augenblick mehr denken, denn die Zunge in zehn Stunden reden und die Feder in zehn Tagen kann schreiben, so ein behende, subtil und mächtig Ding ist`s um die Seele oder Geist."

 

Entscheidend ist also nicht die Menge der gelesenen Bibelverse.

 

Es ist ratsam jede dieser Fragen zunächst an den Text selbst zu stellen. Was macht mich in diesem Text dankbar? Welche Aussage des Textest will ich korrigieren, übt an mir Kritik, leitet mich zur Buße ? Welche Gebetsanliegen erwachsen dem Text - anstatt meinen eigenen Wünschen? Gibt es etwas im Text, was mich zu konkreten Handeln motivieren will?

 

Wir werden nicht jedesmal ein Antwort auf alle Fragen bekommen. Oft werden wir auch feststellen, dass die Antworten ineinander verwoben sind. Das, was mich in die Buße treibt, kann gleichzeitig mein wichtigstes  Gebetsanliegen für den Tag sein und mich unter Umständen zu einer konkreten Tat der Wiedergutmachung oder Entschuldigung verpflichten.

 

Andererseits sollte der Text unsere Gedanken anstoßen und in die rechte Richtung lenken, ohne sie allerdings einzuengen und festzulegen. Wir können die genannten Fragen ein zweites Mal überdenken, können sie an die Erfahrungen  unseres alltäglichen Lebens anlegen und uns auch die kleinen Dinge bewusst machen, für die wir dankbar sein können - den sonnigen Tag, den freundlchen Gruß, eine schöne Blume und weiteres.

 

Aus Luthers Zeugnis in diesem Brief geht klar hervor, dass er überzeigt war: "Gott spricht zu mir durch meine Gedanken, wenn "das Herz erwärmt" und "unter den Geboten, dem Vaterunser und dem Glauben zu sich selbst kommen ist".

 

Das wird und muss der Geist geben und weiter lehren im Herzen, wenn es also mit Gottes Wort, gereimet und befreit ist von fremden Geschäften und Gedanken."

 

 

Er gibt seinem Freund allerdings einen praktischen Rat, den wir nicht vergessen sollten: Er rät Meister Peter, bei seiner Stillen Zeit stets Papier und Feder bei der Hand zu haben, um aufzuschreiben, was Gott ihm sagt:

 

"Und wie ich droben gesagt habe beim Vaterunser, vermahne ich abermals: Ob der Heilige Geist unter solchen Gedanken käme und anfinge in dein Herz zu predigen  mit  reichen erleuchteten Gedanken, so tu ihm die Ehre, lasse diese gefassete Gedanken fahren, sei stille und höre dem zu, der`s besser kann denn du; und was er predigt, das merk und schreibe es an, so wirst du Wunder erfahren  (wie David sagt ) im Gesetze Gottes."

 

Wer es sich einmal zur Gewohnheit gemacht hat, die Gedanken seiner Stillen Zeit in einem Notizbuch festzuhalten, der wird es kaum wieder aufgeben.

 

Unseren persönlichen Andachten sind doch oft deshalb so unattraktiv und eintönig, weil jeder von uns an jedem Tag fast dieselben allgemeinen, vagen frommen Gedanken wiederholt. Das führt zur Monotonie.

 

Unsere Gedanken bleiben unscharf und abstrakt, ohne Bezug zu unserem konkreten Alltag.

 

Das Niederschreiben, wie es Luther vorschlägt, ist eine Form der Inkarnation, der Fleischwerdung, des Wortes Gottes, das dadurch greifbar, sichtbar und konkret wird. Wir sind gezwungen , genau, eindeutig und klar abgegrenzt zu formulieren.

 

Statt Monotonie erleben wir Vielfalt und Überraschungen.

 

Wenn wir unsere Gedanken am Morgen niedergeschrieben haben, können wir außerdem tagsüber nachprüfen, ob wir unsere Vorsätze auch ausgeführt haben. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Die blasseste Tinte ist stärker als das beste Gedächtnis".

 

Das alles lernt sich freilich nicht von einem Tag auf den anderen. Es braucht eine Zeit der Einübung.

 

 

Wie als Vorbereitung auf einen Sportwettkampf das Warmlaufen notwendig ist, will man Höchstleistungen erzielen, so ist auch ein "Aufwärm - Training" des Herzens unerlässlich für unser geistliches Leben.

 

Genau diese Ausdrücke verwendet Martin Luther. Wir werden nicht von vornherein unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen von Gottes Gedanken unterscheiden können. Dazu bedarf es der Übung und Erfahrung. Dreht man in einem Neubau den Wasserhahn auf, kann es geschehen, dass zunächst erstmal eine braune Brühe herausläuft.

 

Wenn wir jedoch Geduld aufbringen, und nicht gleich den Hahn aus Enttäuschung wieder zudrehen, wird schließlich klares Wasser heraussprudeln.

 

Dasselbe können wir in unserer Stillen Zeit erleben. Wenn unser Gebet zum Reden ins Schweigen übergeht und wir vom Schweigen zum Zuhören gelangen, dann wird die Stimme des Guten Hirten zu uns durchdringen - erkennbar , eindeutig und verständlich.

 

"Das wird und muss der Geist geben und weiter lehren im Herzen, wenn es also mit Gottes Wort gereimet ist."

 

Walter Tobisch

 

 

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