Von den Inneren und Äußeren Werken

Reden der Unterweisung

Meister Eckhart

 

Gesetzt, ein Mensch wollte sich in sich selbst zurückziehen mit allen seinen Kräften, den inneren und den äußeren, und er stände in diesem Zustand doch (überdies auch noch)  so da, dass es in seinem Inneren weder irgendeine Vorstellung noch irgendeinen (ihn) zwingenden Antrieb (von Gott her zum Wirken) gäbe und er solcher Gestalt ohne jedes Wirken, inneres oder äußeres, dastände., da sollte man (dann) gut darauf achten, ob es dabei (in diesem Zustande) nicht von selber (den Menschen) zum Wirken hindrängt.

 

Ist es aber so, dass es den Menschen zu keinem Werk zieht und er nichts unternehmen mag, so soll man sich gewaltsam zwingen zu einem Werk, , sei`s ein inneres oder äußeres - denn an nichts soll sich der Mensch genügen lassen, wie gut es auch scheint oder sein mag -, damit, wenn er sich (ein andermal) unter hartem Druck oder Einengung seiner selbst (durch das Wirken Gottes) so befindet, dass man eher den Eindruck gewinnen kann, dass der Mensch dabei  g e w i r k t  werde, als das er wirke, der Mensch dann mit seinem Gott mitzuwirken lerne.

 

Nicht als ob man seinem Inneren entweichen oder entfallen oder absagen solle, sondern gerade in ihm und aus ihm soll man so wirken lernen, dass man die Innerlichkeit ausbrechen lasse und in Wirksamkeit und die Wirksamkeit hineinleite  in die Innerlichkeit und dass man sich so gewöhne, ungezwungen zu wirken. Denn man soll das Auge auf dieses  i n n e r e  Wirken richten und aus ihm heraus wirken, sei`s Lesen, Beten oder wenn es anfällt äußeres Werk. Will aber das äußere Werk das innere zerstören, so folge man den inneren. Könnten aber beide in Einem bestehen, das wäre das Beste, auf dass man ein Mitwirken mit Gott hätte.

 

 

Nun erhebt sich die Frage:

Wie soll man da noch ein Mitwirken haben, wo der Mensch doch sich selbst und allen Werken entfallen ist und - wie ja Sankt Dionyius sagt: Der spricht am allerschönsten von Gott, der vor Fülle des inneren Reichtums am tiefsten vor ihm schweigen kann - wo doch alle Bilder und Werke, Lob und Dank oder was einer sonst wirken könnte, entsinken?

 

Antwort: Ein Werk bleibt einem billig und recht eigentlich doch, das (aber) ist: ein Vernichten seiner selbst. Indessen mag dieses Vernichten und Verkleinern seiner selbst auch noch so groß sein, es bleibt mangelhaft, wenn Gott es nicht in einem selbst vollendet. Dann erst ist die Demut vollkommen genug, wenn Gott den Menschen durch den Menschen selbst gedemütigt; und damit allein wird dem  Menschen und auch der Tugend genüge getan und nicht eher.

 

Eine Frage:

Wie soll denn aber Gott den Menschen  durch sich selbst vernichten? Es scheint (doch), als wäre dieses Vernichten des Menschen ein Erhöhen durch Gott, denn das Evangelium sagt: "wer sich erniedrigt, der wird erhört werden"

Antwort.

Ja und nein, er soll sich selbst erniedrigen und das eben kann nicht genugsam geschehen, Gott tue es denn; und er soll erhöht werden, nicht (aber), als ob dies Erniedrigen, eines sei und das Erhöhen ein anderes. Vielmehr liegt die höchste Höhe der Erhöhung (gerade) im tiefsten Grunde der Verdemütigung. Denn je tiefer der Grund ist und je niedriger um so höher und unermeßlicher ist auch die Erhebung  und die Höhe, und je tiefer der Brunnen ist um so höher ist er zugleich; die Höhe und die Tiefe sind eins.

 

 

Darum, je mehr sich einer erniedrigen kann, um so höher ist er.Und darum sagte unser Herr. "Wer der Größte sein will,  der werde der Geringste unter euch. (Mark. 9,34)  Wer jenes  s e i n  will, der muss  d i e s e s  werden. Jenes Sein ist nur zu finden in diesem  W e r d e n.  Wer der Geringste wird, der ist fürwahr der Größte; wer aber der Geringste geworden ist, der ist schon jetzt der Allergrößte. Und so (denn) bewahrheitet und erfüllt sich das Wort des Evangelisten, (wer sich erniedrigt, der wird erhöht ( Matth. 23,12 Luk. 14,11) Denn unser ganzes wesenhaftes Sein liegt in nichts anderem begründet als in einem Zunichtewerden.

 

Sie sind reich geworden an allen Tugenden (1.Kor. 1,5), also steht geschrieben. Fürwahr, das kann nimmer geschehen, man werde denn zuvor arm in allen Dingen. Wer alle Dinge empfangen will, der muss auch alle Dinge hergeben.

 

Das ist ein gerechter Handel und ein gleichwertiger Austausch. Darum, weil Gott sich selbst und alle Dinge uns zu freiem Eigen geben will, darum will er uns alles Eigentum ganz und gar benehmen. Ja, fürwahr, Gott will durchaus nicht, dass wir auch nur soviel Eigentum besitzen, wie mir in meinen Augen liegen könnte.Denn alle die Gaben, die er uns jeh gegeben hat, sowohl Gaben der Natur, wie Gaben der Gnade, gab er nie im anderem Willen als in dem, dass wir nichts zu eigen besitzen sollten, und derart zu eigen hat er weder seine Mutter noch irgendeinem Menschen oder sonst andere Kreatur etwas gegeben in irgendeiner Weise.

 

 

Und um uns zu belehren und uns damit zu versehen, darum nimmt er uns oft beides, leibliches und geistiges Gut. Denn der Besitz der Ehre soll nicht unser sein, sondern nur Ihm gehören.

 

Wir sollen vielmehr alle Dinge, nur (so haben) als ob sie uns geliehen seien und nicht gegeben, ohne jeden Eigenbesitz, es sei Leib oder Seele, Sinne, Kräfte, äußeres Gut oder Ehre, Freunde, Verwandte, Haus, Hof und alle Dinge.Was beabsichtigt aber Gott damit, dass er darauf so sehr erpicht ist? Nun, er will selbst allein und gänzlich unser Eigen sein.Dies will und erstrebt er, und darauf allein hat er es abgesehen, dass er`s sein könne und dürfe. Hierin liegt seine größte Wonne und Lust. Und je mehr und umfassender das sein kann um so größer ist seine Wonne und seine Freude; denn jeh mehr wir von allen Dingen zu eigen haben, um so weniger haben wir ihn zu eigen, und je weniger Liebe zu allen Dingen wir haben um so mehr haben wir ihn mit allem, was er zu bieten vermag.

 

Darum, als unser Herr von allen Seligkeiten reden wollte, da setzte er die Armut des Geistes zum Haupt ihrer aller, und sie war die erste zum Zeichen dafür, dass alle Seligkeit und Vollkommenheit samt und sonders ihren Anfang haben in der Armut des Geistes. Und wahrlich, wenn es einen Grund gäbe, auf dem alles Gute aufgebaut werden könnte, der würde ohne dies nichts sein .Dass wir uns frei halten von den Dingen, die außer uns sind, dafür will uns Gott zu eigen geben alles, was im Himmel ist, und den Himmel mit all seiner Kraft, ja alles, was jeh aus ihn ausfloß und was alle Engel und Heiligen haben, auf dass uns das so zu eigen sei wie ihnen, ja, in höherem Maße als mir irgend ein Ding zu eigen ist

 

 

Dafür, dass ich um seinetwillen mich meiner selbst entäußere, dafür wird Gott mit allem, was er ist und zu bieten vermag, ganz und gar mein Eigen sein, als je ein Mensch ein Ding erwarb, das er in dem Kasten hat oder er je sich selbst zu eigen wurde. Nie ward einem etwas so zu eigen, wie Gott mein Sein wird mit allem, was er vermag und ist.

 

Dieses Eigen sollen wir damit verdienen, dass wir hienieden  ohne Eigenbesitz unserer selbst und alles dessen sind, was nicht ER ist. Und je vollkommener und entblößter diese Armut ist, um so mehr zu eigen ist dieses Eigentum. auf dieses Entgelt aber darf man es nicht absehen noch je danach ausschauen, und all das Auge soll sich nie auch nur einmal darauf richten, ob man je etwas gewinnen oder empfangen werde als einzig durch die Liebe der Tugend. Denn:  je ungebundener (der Besitz), um so eigener, wie der edle Paulus sagt: "Wir sollen haben, als ob wir nicht hätten, und doch alle Dinge besitzen (2 Kor. 6,10) Der hat keinen Eigenbesitz der nichts begehrt noch haben will, weder an sich selbst noch an alledem, was außer ihm ist, ja, (und da) selbst weder an Gott noch an allen Dingen.

 

Willst du wissen, was ein wahrhaft armer Mensch ist?

Ein Mensch ist wahrhaft arm im Geiste , der alles das wohl entbehren kann, was nötig ist. Darum sprach der, der nackt in der Tonne saß, zum großen Alexander, der die Welt unter sich hatte: "Ich bin", sagte er, "ein viel größerer Herr als du bist, denn ich habe mehr verschmäht, als du in Besitz genommen hast.

 

 

Was du zu besitzen für groß achtest, das ist mir zu klein, ( es auch nur zu verschmähen ) Der ist viel glücklicher, der alle Dinge entbehren kann und ihrer nicht bedarf, als wer alle Dinge mit Bedürfnis (nach ihnen) im Besitz hält. Der Mensch ist der beste , der das entbehren kann, was ihm nicht not tut. Darum: wer am allermeisten entbehren und verschmähen kann, der hat am allermeisten gelassen.Es scheint, als ein großes Ding, wenn ein Mensch tausend Mark Goldes um Gottes Willen hingäbe und mit seinem Gut viele Klausen und Klöster erbaute und alle Armen speiste; das wäre eine große Sache. Aber der wäre viel glücklicher daran, der ebensoviel um Gottes Willen verschmähte. Der Mensch hätte ein rechtes Himmelreich, der um Gottes Willen auf alle Dinge verzichten könnte, was immer Gott gäbe oder nicht gäbe.

 

Nun sagst du: Ja, Herr, wäre ich denn nicht eine (hemmende) Ursache und ein Hindernis dafür mit meinen Gebrechen? Hast Du Gebrechen, so bitte Gott immer wieder, ob es nicht seine Ehre sei und es ihm gefalle, dass er sie dir abnehme, denn ohne ihn vermagst du nichts. Nimmt er sie (dir) ab, so danke ihm; tut er`s aber nicht, nun, so erträgst du`s um Seinerwillen, jedoch (nun) nicht (mehr) als das Gebrechenn einer Sünde, sondern als eine große Übung, mit der du Lohn verdienen und Geduld üben sollst.

 

Du sollst zufrieden sein, ob er dir seine Gabe gibt oder nicht.

Er gibt einem jeden nach dem, was sein Bestes ist und für ihn passt. Soll man jemand einen Rock zuschneiden, so muss man ihn nach seinen Maß machen; und der dem einen passte, der passte den anderen gar nicht. Man nimmt einen jeglichen so Maß, wie`s ihm passt. So auch gibt Gott einem jeglichen das Allerbeste nach dem, wie er erkennt, dass es  für ihn Beste ist . Fürwahr, wer ihm darin ganz vertraut, der empfängt und besitzt im Geringsten  ebensoviel wie im Allergrößten.

 

 

Wollte Gott mir geben, was er Sankt Paulus gab, ich nähme es, wenn er`s wünschte, gern. Da er es mir nun aber nicht geben will - denn nur bei ganz wenigen Leuten will er, dass sie in diesem Leben (schon) zu solchem Wissen (wie Paulus) gelangen - wenn mir`s also Gott nicht gibt, so ist er mir darum doch ebenso lieb, und ich sage ihm ebenso großen Dank und bin ebenso völlig zufrieden darum, dass er mir`s vorenthält, wie darum, dass er`s mir gibt, und mir ist daran ebenso genug, und es ist mir ebenso lieb, als wenn er`s mir verliehe wenn anders es recht um mich steht.

 

Wahrlich, so sollte es mir am Willen Gottes genügen. in allem, wo Gott wirken oder geben wollte, sollte mir sein Wille so lieb und wert sein, dass mir das nicht weniger bedeutete, als wenn er  m i r  diese Gabe gäbe oder dies   i n   m i r   w i r k t e .

 

So wären alle Gaben und alle Werke Gottes mein, und mögen dann alle Kreaturen ihr Bestes oder ihr Ärgstes dazu tun, sie könnten`s  mir nicht rauben. Wie kann ich dann klagen, da aller Menschen Gaben mein eigen sind? Wahrlich, so wohl genügt`s mir an dem, was Gott mir täte oder gäbe oder nicht gäbe, dass ich (auch) nicht einen einzigen Heller dafür zahlen wollte, das beste Leben führen zu können, das ich mir vorzustellen vermöchte.

 

Nun sagst du. "Ich fürchte, ich setze nicht genug Fleiß daran und hege ihn nicht so, wie ich es könnte." Das lass dir leid sein, und ertrage es mit Geduld, und nimm es als eine Übung und sei zufrieden. Gott der leidet gern Schmach und Ungemach und will gern Dienst und Lob entbehren, auf dass die Frieden in sich haben, die ihn lieben und ihm angehören. Weshalb sollten denn  w i r  nicht Frieden haben, was er uns auch gebe oder was wir auch entbehren?

 

 

Es steht geschrieben,  und es spricht unser Herr, dass die selig sind, die da leiden um der Gerechtigkeit willen (Matth.5.10).  Wahrhaftig, könnte ein Dieb, den man zu hängen im Begriff stünde und ders mit Stehlen wohl verdient hätte, oder einer, der gemordet hätte und den man zu Recht zu rädern sich anschickte, könnten die in sich zur Einsicht finden: "Sieh, du willst dies leiden um der Gerechtigkeit willen, denn dir geschieht nur recht", sie würden ohne weiteres selig.

 

Fürwahr, wie ungerecht wir sein mögen, nehmen wir von Gott, was er uns täte oder nicht täte, als von ihm aus gerecht hin und leiden um der Gerechtigkeit willen, da sind wir selig. Darum klage nicht, klage vielmehr nur darüber, dass du noch nicht klagst und kein Genügen findest; darüber allein magst du klagen, dass du (noch) zuviel hast. Denn, wer rechten Sinnes wäre, der empfinge im Darben ebenso wie im Haben.

 

Nun sagst du: "Sieh doch, Gott wirkt so große Dinge in so vielen Menschen, und sie werden so mit göttlichem Sein überformt, und Gott (ist es, der) in ihnen wirkt, nicht aber sie." Dafür danke Gott in ihnen, und gibt er`s  d i r ,  in Gottes Namen  so  nimm`s ! Gibt er`s dir nicht, so sollst du`s willig entbehren; habe nur ihn im Sinn, und sei unbesorgt darum ob Gott deine Werke wirke oder ob du sie wirkst; denn Gott  m u ss  sie wirken, wenn du nur Ihn im Sinne hast, ob er (nun) wolle oder nicht.

 

 

Bekümmere dich auch nicht darum, welches Wesen oder Weise Gott jemandem gebe. Wäre ich so gut und heilig, dass man mich unter die Heiligen erheben müßte, so redeten die Leute und forschten wiederrum, ob es sich um Gnade oder Natur handele, was darin stecke, und würden darüber beunruhigt. Darin tun sie Unrecht. Laß Gott in dir wirken, ihm erkenne das Werk zu, und kümmere dich nicht darum, ob er mit der Natur oder übernatürlich wirke; beides ist sein: Natur, wie Gnade.

 

Was geht`s dich an, womit zu wirken ihm füglich ist oder was er wirke in dir oder in einem andern? Er soll wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es Ihm passt. Der Mann hätte gern einen Quell geleitet und sprach: "Dafern mir nur das Wasser zuteil würde , so achtete ich gar nicht darauf, welcher Art die Rinne wäre, durch die es mir zuflösse, ob eisern, hölzern, knöchern oder rostig, wenn mir nur das Wasser zuteil würde. So machen`s die ganz verkehrt, die sich darum sorgen, wodurch Gott seine Werke in dir wirke, ob es Natur sei oder Gnade. Laß Ihn dabei (nur allein) wirken, und habe du nur Frieden.

 

Denn so viel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel außer Gott, wie du außer Frieden bist. Ist etwas nur  i n  Gott,  so hat es Frieden. Wieviel du in Gott bist, wie auch, ob dem nicht so sei, das erkenne daran:  ob du Frieden oder Unfrieden hast. Denn wo du Unfrieden hast, darin  m u s s t   du notwendig Unfrieden haben, denn Unfriede kommt von der Kreatur und nicht von Gott.

 

 

Auch ist nichts in Gott, das zu fürchten wäre; alles, was in Gott ist, das ist nur zu lieben. Ebenso ist nichts in ihm, über das zu trauern wäre. Wer seinen vollen Willen hat und seinen Wunsch, der hat Freude. Das (aber) hat niemand, als wessen Wille mit Gottes Willen völlig eins ist.

Diese Eingebung gebe uns Gott ! Amen.