Das  Gebet

Eberhard Kohler

 

Das Gebet ist die (einzige!) Quelle, hilfreicher, seelischer Kräfte im Menschen. Wer aus ihr schöpft, trotz allen Stürmen, den Schicksalsschlägen und Katastropfen dieser Zeit , ebenso wie den kleinen Nadelstichen , mit denen die Mitmenschen ihn korrigieren und auf andere Wege bringen wollen. Wer beten kann, innig und unentwegt, bleibt ruhig, wo andere längst die Nerven verlieren, und hat alle Fäden sicher in der Hand, in die andere sich längst verstricken, über die sie stolpern und zu Fall kommen würden. Ein Mensch. dem die seelischen Kräfte nicht ausgehen, ist zu beneiden. Dabei ist es gar nichts Besonderes, phänominal Übermenschliches. Er ist ein Mensch wie jeder andre auch - nur eben ein  b e t e n d e r   Mensch, das ist der einzige, aber wichtige Unterschied.

 

Beten, vermittelt innere Kräfte, von denen ein Nichtbeter kaum zu träumen wagt. In der Bibel ( Jakobus,Kap. 5,16,18 ) liest man: "Das innständige Gebet des Menschen, der so lebt, wie Gott es verlangt,  kann viel bewirken. Elia war ein Mensch wie wir. Er betete inständig, dass es nicht regnen sollte; da regnete es dreieinhalb Jahre nicht auf dem Land. Dann betete er noch einmal; da schenkte der Himmel Regen, und die Erde ließ wieder Getreide wachsen." Sind das nur alte Legenden, Übertreibungen, oder einmalige unwiederholbare Wunder, die Gott heute eben nicht mehr zu vollbringen bereit ist, weil.....?

 

 

Wer selbst innig betet und ein Leben führt, das den Geboten Gottes folgt, der lächelt über solche Fragen und Zweifel. Für ihn sind diese Dinge völlig klar, - er betet eben und e r l e b t , das solche Berichte in der Bibel nicht nur alte Märchen sind. Gott ist immer und ewig derselbe; dass er heute etwas verwehrt, was er gestern oder vor Jahrtausenden geschenkt hat, ist einfach undenkbar. Wenn es irgendwo fehlt, dann gewiß nicht an IHM, sondern allenfalls an uns, an den Menschen. Wir l e b e n nicht mehr nach den Gestzen Gottes,- und wir b e t e n zu wenig und zu oberflächlich. Das äußere, materielle Leben ist uns eben wichtiger und näher als das innere Leben; und die Lehrsätze jenes Mannes Jesus von Nazareth, in dem Gott selbst Mensch wurde um unser Leben wieder in die richtigen Bahnen zu bringen, speziell die Worte.

 

Trachtet vor allem nach dem, was nicht von dieser Welt ist, nach dem Reich Gottes in eurem Inneren, dann wird euch alles Übrige wie von selbst zufallen.

 

 

Diese Worte sind in die Vergessenheit geraten oder werden nicht mehr ernst genommen. Ist es da ein Wunder, wenn so vielen Menschen die seelischen Kräfte schwinden oder ausgehen, wenn sie wie ein Blatt im Wind hin und her geworfen werden und ihren Mund nur noch öffnen, um zu stöhnen, zu klagen und Kritk zu üben?

 

Es ist kein Wunder. Sie können einfach nicht anders. Warum nicht? Weil ihnen Gottes Gebote nicht mehr wichtig sind ("wer sich nicht an sie hält, findet Gottes Gnade und Barmherzigkeit auch", wurde ihnen gesagt, und hats viel leichter" - setzen sie selbst dazu) Und weil das Gebet weithin zu einer leeren Formsache, einer mechanischen Murmelei der Lippen, geworden ist. So kann man ja nur schwach und schwächer werden, erst seelisch, schließlich auch körperlich. Das Gebet ist eine Sache des Herzens, der innigsten Gedanken und Empfindungen, nicht eine Sache der Lippen; und Gottes Hauptgebot:

 

Liebe Gott, deinen Vater im Himmel, mehr als alles, und liebe deine Mitmeschen wie dich selbst.

Dies ist eine unerlässliche H i l f e Gottes und schafft dem, der sie befolgt, erst die Grundlagen für jene totale Offenheit, Wahrhaftigkeit und Innigkeit, die das Gebet einfach braucht, wenn es mehr sein soll als leere Worte, Schall und Rauch. Fazit: Wir müssen erst mal wieder lernen zu beten, und zwar r i c h t i g zu beten , nicht nur fromme Worte zu murmeln oder in Gedanken zu formulieren. Ein Gebet in dem Gott "im Geist und in der Wahrheit ist" - Joh. 4,24 - was dasselbe ist wie im Namen Jesu - Joh.14,13 - geehrt und gebetet wird, ist m e h r als ein paar Worte oder Gedanken; und allein diesem Gebet gilt die Zusage Gottes. Es ist erfüllt !

 

 

Zu wem betet man ? Zu Gott - Vater ? Zu Jesus Christus? zum göttlichen Licht? Zu Maria, der Mutter Jesu? Zu diesem oder jenem Heilig- oder Selig - gesprochenen, der für einen schwachen Beter Fürbitte bei Gott tun könnte? Im Geist und in der Wahrheit betet derjenuge, der sich wie ein Kind an D E N wendet , der uns allen ein unendlich liebevoller und zugleich allmächtiger Vater -Geist ist, in Jesus von Nazareth selbst Mensch geworden, und der heute wieder in unserem Inneren , in unserer Mitte sein möchte als lebendiger , Heiliger Geist. er ist E I N E R ! Nicht drei, nicht zwei, sondern E I N E R !

 

Wer zu I H M noch keinen Zugang gefunden hat, der klopfe solange dort an, wo er schon Zugang hat, und bittet dort um Öffnung dieser einen, allerwichtigsten inneren Tür, bis er ihn findet . Er findet zum Vaterherzen Gottes, der Quelle a l l e r Kraft.! Wann und wo betet man? In der Kirche ? Zu Hause, im "stillen Kämmerlein"? In der freien Natur? Jederzeit, oder regelmäßig zu festen Zeiten?

 

 

Für den Anfänger mögen feste äußere Formen gewohnheitsbildend wirken und Nachlässigkeit oder Schlamperei erschweren. Ein ruhiges eigenes Zimmer und feste Zeiten am frühen Morgen und späten Abend fördern dann das Gebetsleben. Wer aber einmal alle inneren Türen zu öffnen gelernt hat, der kann überall und zu jeder Zeit beten, sogar in der überfüllten U - Bahn, und ist doch tief innig.

 

Wie und wann betet man? Feste Texte, wie das Vater unser...? oder frei ? Ist das in die- Knie - gehen wichtig, oder ist die Körperhaltung gleichgültig? Auch diese Fragen sind höchstens für den Anfänger wichtig. Aber selbst da gibt es kein allgemeingültiges Erfolgsrezept. Jeder Mensch ist anders, findet andere Worte passend und auch eine andere Haltung. Hier gilt einfach: Probieren geht über Studieren; die Form ist nicht das Wichtigste, sie ergibt sich wie von selbst, wenn man i n n i g betet. Wichtig ist, dass man mit allen Fasern, mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Und hier beginnen die eigentlichen Probleme.

 

 

Man muss davon ausgehen, dass es völlig unmöglich ist, Gott in irgendeiner Form so etwas wie Theater vorzuspielen. Wie ein aufgeschlagenes Buch liegt unsere Seele vor seinen Augen. Im Gebet muss auch die kleinste Regung und der leisete Gedanke einfach stimmen, muss alles ehrlich sein, ehrlich, bis ins Letzte. Selbstdarstellung ist unnötig und dumm, und jede noch so fromme Maske hält uns von IHM einfach fern.Wer meint, er brauche sie, lässt das Beten besser sein, ehe er zum Heuchler wird.

 

Innere Widerstände, Krämpfe und Hemmungen sind ein Zeichen des schlechten Gewissens. Wer sich dabei ertappt, sollte zunächst sein Gewissen erforschen und nur um Hilfe bei dieser Vorarbeit bitten. Man darf sich über diese Widerstände nicht hinwegsetzen, sondern sollte sich fragen, wo man mit seinen Mitmenschen nicht im Reinen ist, und dann seine menschlichen Verhältnisse bereinigen. Anders geht die innere Türe zu Gott nicht auf. (lies Math. 5,23,24).

 

 

In dem Maße, in dem die menschlichen Verhältnisse dann bereinigt sind und das Gewissen frei geworden ist, ist man auch innerlich nicht mehr gehemmt oder auf der Flucht vor sich selbst, sondern kann in immer tiefere Bewußtseinsschichten hinein offen und ehrlich sein.

 

Dann breitet man einfach sein ganzes Leben, seinen Tageslauf, seine Gedanken und Gefühle, oder seine Fragen, seine Bitten und Wünsche, seinen Dank, sein Tun und Lassen vor Gott aus. Man braucht nur mit der kleinsten inneren Regung an IHN zu denken, nur mit dem leisesten Gedanken " Vater " zu sagen, und ER ist da und widmet sich dem, der nach IHM verlangt. Was wir IHM bitten wollen, weiß er längst, noch ehe wir an diese Bitte denken. Und doch will er gebeten sein. Warum das ? Verlangt das sein Ehrgeiz, sein Stolz, oder irgend eine Herrscherlaune seiner Allmacht ?

 

 

Nichts davon. ER will, dass wir Menschen uns immer deutlicher und immer umfassender unserer wahren Bedürfnisse bewußt werden. Würde er sie uns schon erfüllen, ehe wir sie kennen und IHN bitten, dann würden wir unser menschliches Bewußtsein, unser Gottes - Kind sein, Stück für Stück verlieren, statt wie nun Stück für Stück dazugewinnen . Mit jedem innigen Gebet gewinnt man ein Stück Bewußtsein hinzu. Wie das ? Indem wir innig beten und eifrig beobachten, welche Bitten ER uns erfüllt - und welche nicht - entdecken wir unsere wahre Indentität, unsere wahren Bedürfnisse und unser wahres inneres Leben.

 

Er ist nicht materieller Natur, sondern geistiger Natur. Wenn es in unserem Innern wach wird, werden uns auch die Kräfte und Harmonie Gesetze bewußt, die in uns wirken und schaffen. In dem Augenblick indem sie bewußt werden arbeiten wir auch mit ihnen, - und zwar nicht nur innen, sondern auch außen, in der materiellen Wirklichkeit. Das äußere Leben ist der Spiegel des Inneren. Kosmos und Mensch, Innen und Außen sind ineinander verwoben. Der Beter verändert die Welt, die innere und die äußere. Wer das erlebt, betet immer mehr und inniger. Schließlich wird sein ganzes Leben zu einem Gebet. Er möchte keinen Augenblick mehr ohne dieses inner Erleben und Erfahren der Gegenwart Gottes sein. Er macht ihn selig, für alle Zeiten !

Eberhard Kohler

  

 

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