Gebet und Offenbarung

Carlo Carretto

 

Ich habe gesagt, Betrachtung heiße nicht, Gott anschauen, sondern von Gott angeschaut werden. Dies habe ich im Gebet gelernt. Auf was sollte ich denn beim Gebet schauen? Ich kann versichern, dass ich mich niemals so kurzsichtig fühle, wie wenn ich beim Gebet die Augen Gottes suche. Gerade beim Gebet erkennst du klar deine Grenzen, deine Geschöpfessituation, dein radikales Unvermögen und deine Armut. Vor allem aber spürst du das  alles, wenn dich der Glaube über die Grenze zum Unsichtbaren hinausführt. Hast du Gefühl, Gesundheit, Verstand hinter dir gelassen und bist eingetreten in das Reich des Geheimnisses, dann geht dir auf, was Erde bedeutet.

 

Wenn du müde bist, dir von Phantasie, Verstand oder gar Furcht Altärchen für Gott bauen zu lassen und dir der Sand bleibt, der das Unendliche vom Endlichen trennt, bleibet dir nicht mehr viel zu sagen oder zu denken. Du merkst, dass die Betrachtung eine arme Sache wäre, wenn sie ganz und gar dein Werk wäre. Deine Phantasie und Einbildungskraft  ließen  dich einmal im Stich. Dein tägliches Leiden und der Ekel würden dich niederdrücken. Es bleibt dir nur die Sicht auf einen ganz grauen Himmel, ähnlich, wie sich der Himmel im Winter darstellt, in den nördlichen Breiten zumindest. Du bist nicht selbst das Morgengrauen, sondern bist Erde, die auf den Morgen zu warten hat. Gott ist dir Morgen und Mittag.

 

 

Du bist Erde, die auf Licht wartet, du bist schwarze Masse, die nur ein fähiger Künstler zu einem Kunstwerk umgestalten kann. Es bleibt dir nur, dich niederzusetzen und zu hoffen. Lass alles hinter dir, Raum, Zeit Vernunft und Kultur; blicke nach vorn, blicke über dich, deine Unfähigkeiten und Grenzen hinaus. Warte! Lass ruhig zu, dass dein Herz, das Prüfung und Leiden mitgebracht hat, keine Hoffnung auf dieser Erde mehr findet.

 

Lass den Tränen ihren Lauf! Denke nur an eines: Gott ist vor dir, er kommt auch zu dir. Betrachtung heißt nicht schauen, sondern angeschaut werden. Er blickt dich liebevoll an. Und dabei schenkt er dir, was du suchst: Sich selbst. Es gibt kein anderes Geschenk für den, der lange gesucht hat. Unser Herz ist unersättlich. Gott allein genügt. Die Dinge dieser Welt können nicht befriedigen.

 

Gott steht immer vor dir und blickt dich an. Sein Blick hat Schöpferkraft, kann aus Unmöglichem  Mögliches machen. In der Genesis wird berichtet, wie er das Chaos und die Wasser anblickt - das Weltall entsteht! Ebenso schaut er dich an - es verwicklicht sich Liebe !

 

Gott liebt dich wirklich. Ich verdiene es zwar nicht, , aber er liebt mich, liebt dich. Diese Liebe ist völlig ungeschuldet. Er liebt mich nicht, weil ich einen großen Wert habe, sondern weil er nicht anders kann als lieben.

GOTT  IST  DIE  LIEBE !  LASS  ES  AN  DIR  GESCHEHEN;  LASS  DICH  LIEBEN!

 

 

Er betrachtet dich als sein Kind. Oft hast du dich schon aus dem Staub gemacht, hast fremde Länder seinem Haus vorgezogen. Das alles ist aber nun vorüber, du solltest nicht mehr daran denken. Die Zeit zu lieben ist gekommen.

 

Wie kann ich aber den lieben, den ich nicht kenne und nicht sehe? Ich weiß doch, dass Gott unkennbar ist. Hier liegt eine wirkliche Schwierigkeit, aber sie löst sich auf in dem Gedanken, dass Gott als die Liebe sich erkennen lässt. Wie sich der unsichtbare und unberührbare Gott in Christus sichtbar gemacht hat, so teilt sich der unkennbare Gott mit in der Liebe.

 

Nimmst du betend diese Liebe an, dann lässt er sich von dir erkennen. In deine Seele prägt er die Umrisse seines Antlitz ein. Erinnern wir uns an die Worte Jesus: Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. (Joh. 17,3)

 

Erkenntnis und Liebe einen mit Gott. Das ist ein lebendiger Vollzug.

 

Dies ist das Geheimnis, das von Ewigkeit her verborgen war und in der Fülle der Zeiten durch Jesus Christus offenbar wurde: Schöpfer und Geschöpf, Vater und Sohn sollen eins werden. Das es sich nicht, wie wir sagten, um eine rechtliche Form der Einigung handelt, sondern um einen lebendigen Vollzug, tritt der Mensch durch die Erkenntnis ein in den Raum göttlichen Lebens.

 

Was ich nicht erkenne, kann ich nicht lieben. Gott weiß dies am allerbesten. Er weiß, dass er mich nicht auf die Liebe  als erstem Gebot verpflichten konnte, ohne sich zuvor erkennen zu lassen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Art natürlicher, analoger Gotteserkenntnis, die uns schon der Verstand vermittelt. Es geht um wahre, übernatürliche Erkenntnis Gottes. Um wesentlich dieselbe Erkenntnis, die ich haben werde,  wenn der Schleier des Glaubens aufgehoben ist und ich Gott sehe von Angesicht zu Angesicht. Nur Gott selber kann mir diese Erkenntnis geben. Nur er selber kann mir sagen, wer er wirklich ist.

 

 

Alle Verstandesüberlegungen, die die Menschen je über Gott angestellt haben,  bringen mich der Offenbarung keinen Zentimeter näher. Der offenbarende Gott selber führt mich ein in das Geheimnis. Ich werde sein Kind, lebe sein göttliches Leben.

 

Solches sollte man in der Kirche predigen, nicht Zeit damit vertun, über die Kapitalisten zu schimpfen oder das Evangelium umzugestalten in einen gesellschaftlskritischen Text - hundert Jahre nach Marx! Das Leben in Gott ist die eigentliche Dimension des Christlichen. Der Christ sollte sich vorzüglich darum bemühen, Gott kennenzulernen; diese Erkenntnis führt zu Liebe, und die Liebe ist größer als alles andere, denn sie ist Gott selber.

 

Wenn ich so viel über diese Dinge rede, so trägt Jesus selbst die Schuld daran. Er hat ja gesagt: Ich werde mich ihm offenbaren (Joh,14,21)  Gemeint ist der, der Gott liebt. Um diese Offenbarung Jesu bemühe ich mich, auf sie warte ich, sie ersehne ich. Alle meine Karten setze ich auf die Begegnung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, der Unerkennbarkeit Gottes die man doch erkennend und liebend durchbrechen kann.

 

Nie bin ich enttäuscht worden. Wenn man mich fragt, warum ich an Gott glaube, dann   müsste ich antworten: "Weil er sich mir offenbart hat". Und wenn ihr mich fragt, welchen Beweis ich dafür habe, so muss ich antworten: Ich bin bei ihm bewesen.

 

Zwar helfen mir die fünf Gottesbeweise, die Thomas von Aquin entwickelt hat. Noch mehr aber hilft mir die Erfahrung, die ich betend von ihm gemacht habe.  Nur dieses Zeugnis kann ich vor den Mitmenschen ablegen, die ihn suchen.

 

Ich bin mir wohl bewusst, dass ich damit zu einem Marsch in der Wüste und zu totaler Hingabe einlade. Ich weiß aber, dass sich der Einsatz lohnt, weiß, um mit Paulus zu reden-, an wen ich geglaubt habe.

 

 

Erkenntnis Gottes und Liebe zu ihm gehen Hand in Hand. Viel kann man über diese Erkenntnis freilich nicht sagen. Die Theologie sagt, es sei eine dunkle geheimnisvolle, persönliche Erkenntnis. Mehr wissen wir nicht. Durch Gottes Offenbarung kommt sie zustande und erfolgt im Gebet, das wir das "beschauliche nennen" im höchstem Maße. Sie ist wirkliche Teilhabe am Leben Gottes. "Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus." (Joh, 17,3) Alle Ausdrücke mit denen wir diesen Vorgang beschreiben, bleiben mehr als unvollkommen. Kaum ist es möglich, Worte dafür zu finden. Nur eine Möglichkeit ist echt und wahr: die der Liebe.

 

"Jedes vernünftige Geschöpf hat in sich die Fähigkeiten. Es kann erkennen und kann lieben. Von beiden ist Gott der Schöpfer. Der ersten Fähigkeit bleibt er unzugänglich, mit der zweiten kann man ihn - ein jeder auf seine Weise - erreichen. Nur die Seele, die liebt, kann kraft seiner Liebe zu ihm gelangen, zu dem, der vollauf genügt, eine jede Seele, die Engel und die Schöpfung ganz zu erfüllen.

 

Die Liebe hört nicht auf, weil Gott dafür sorgt, dass sie weitergeht. Die Liebe allein kann Gott erreichen und ihn "festhalten". Das Denken vermag das niemals!

 

 

In gewisser Weise haben wir also dei Möglichkeit, Gott zu erreichen, ihn an uns zu ziehen. In der Liebe kann man das erreichen, was sonst unmöglich ist. Liebend finden wir Gott. In diesem Geheimnis lässt sich die ganze Geschichte zusammenfassen.

Wir sollten uns das vor Augen halten. Du sagst du habest keinen Glauben? Dann liebe, und der Glaube wird sich einstellen. Du bist traurig? Liebe, und die Freude wird kommen. Du bist allein? Liebe, und deine Einsamkeit ist zu Ende. Du fühlst dich gleichsam in der Hölle? Liebe, und du betritts das Paradies. Denn das Paradies ist die Liebe.